Industriestandort Hainstraße 100

Turn- und Feuerwehr Geräte Fabrik Dietrich & Hannak

Julius Wilhelm Dietrich hatte in dem 1834 vom Vater Friedrich Wilhelm gegründeten „Wagner- und Stellmacher Geschäft“ an der Alten Dresdner Straße 3 den Beruf des Stellmachers gelernt. 1867 wurde er Mitinhaber der väterlichen Firma. Diese nannte sich nun „Wagenbau- und Holzgeschäft F.W. Dietrich & Sohn“. Frühzeitig hatte Julius Dietrich erkannt, dass in der Herstellung von Turngeräten die Zukunft lag. Hatte man doch 1860 vom Land Sachsen veranlasst, dass in den Schulen das Turnen als Pflichtfach eingeführt werden sollte. 1869 begann die Firma Dietrich mit der Produktion der ersten Turngeräte und begründete so den Turn- und Sportgerätebau in Chemnitz. Bereits 1870 erschien der erste „Katalog für Turnpferde, und –böcke, Sprungtische, Barren und Klettertaue“ und 1872 wurde die Turnhalle des Königlichen Gymnasiums Chemnitz vollständig mit Turngeräten von Julius Dietrich ausgestattet. Im Jahre 1879 konnte als erste städtische Sportstätte von Chemnitz, die Vereinsturnhalle an der Markthalle in Betrieb genommen werden.

Eine weitere Ausdehnung des Geschäftsbereiches sah Julius Dietrich in der Herstellung moderner Feuerwehrgeräte. Nicht nur Feuerwehrleitern lieferte Julius Dietrich, auch Mannschafts- und Gerätewagen für Pferdezug wurden von der Firma für die Feuerwehr produziert. Es entstanden Modelle wie die Chemnitzer Hakenleiter, der Chemnitzer Simsbock und schließlich 1877 die von Prof. Kellerbauer entworfene fahrbare Schiebeleiter.

Julius Dietrich übernahm am 2. August 1872 die alleinige Führung der väterlichen Firma. Kurz danach firmierte er mit dem Chemnitzer Kaufmann Anton Hannak zur „Chemnitzer Turn- und Feuerwehr Geräthe Fabrik Julius Dietrich & Hannak“.

Da der Platz an der Dresdner Straße für die ständig größer werdende Produktpalette inzwischen zu eng geworden war, ließ Julius Dietrich 1873 eine neue Fabrik an der Oberen Hainstraße bauen. Hier entstand eine supermoderne Spezialfabrik.

Betriebskomplex nach 1900

Betriebskomplex nach 1900

Die Produktpalette der Firma war sehr weit gefächert. Vorrang hatte dabei die Produktion von Turn- und Sportgeräten zur kompletten Ausstattung von Turnhallen. Bereits 1883 war „Dietrich & Hannak“ mit Produktangeboten auf der Weltausstellung in Wien vertreten. Am Modell konnten sich die Besucher von der Professionalität bei der Ausstattung von Turnhallen überzeugen. Dafür wurden der Firma Auszeichnungen und Anerkennungsurkunden verliehen. Ebenfalls nahm die Produktion von Feuerwehrtechnik einen weiteren großen Anteil in der Produktion der Firma ein. Aber es wurden auch andere Produkte, wie zum Beispiel Hausschulbänke, ja eine Zeit lang sogar Autokarossen gefertigt.

Mehr als 1400 Turnhallen wurden bis 1910 in Deutschland und Europa mit Geräten von „Dietrich & Hannak“ ausgestattet. Darunter auch viele Einrichtungen der sächsischen Regimenter, später der Reichswehr und Reichsmarine. Selbst auf den großen Ozeandampfern waren zur sportlichen Betätigung der Passagiere Turn- und Sportgeräte der Firma „Dietrich & Hannak“ vorhanden. Auch das Stadtbad erhielt die Sportgeräte von dieser Firma.

Mit den Marken „BLIZZARD“ und „Deha“ hatte man Weltruf erlangt und erhielt zahlreiche internationale Preise. Eine der größten Auszeichnungen für ihre Produkte erhielt „Dietrich & Hannak mit dem Zuschlag zur Ausstattung der Olympischen Sommerspiele 1912 in Schweden mit sämtlichen Turn- und Sportgeräten. Die Firma hatte volle Auftragsbücher und war einer der größten Arbeitgeber auf dem Sonnenberg.

Nach dem 2. Weltkrieg lief auch bei „Dietrich & Hannak“ die Produktion langsam wieder an, da die Zerstörungen nicht so groß waren wie bei anderen Chemnitzer Produktionsstätten. Die Mitarbeiter beseitigten Schutt und reparierten, was kaputt war, um wieder produzieren zu können. Dabei standen jedoch nicht nur Turn- und Sportgeräte im Vordergrund. So wurden von den Mitarbeitern von „Dietrich & Hannak“ die neue Bestuhlung des zerstörten Chemnitzer Opernhauses hergestellt und eingebaut.

Aber es dauerte nicht lange und die Firma „Turn- und Sportgeräte Dietrich & Hannak“ wurde am 14. März 1950 „in das Eigentum des Volkes überführt“.

Doch der Betrieb produzierte weiter. Nun unter dem Namen „Turn- und Sportgerätewerk Karl-Marx-Stadt“ mit einer Produktpalette, die der vor dem Krieg glich. Durch Umstellung der Maschinenantriebe von Transmissionstechnik auf Elektroeigenmotoren in den Jahren 1956/57 konnte auch die Produktion gesteigert werden. Ab 1956 war das „Turn- und Sportgerätewerk Karl-Marx-Stadt“ ständiger Ausstatter der seitdem regelmäßig stattfindenden Kinder- und Jugendspartakiaden, sowie der Turn- und Sportfeste in Leipzig.

1960 wurde das neue Werk an der Werner Seelenbinder-Straße gebaut, da der alte Standort mittlerweile zu eng geworden war. Zwischen 1961 und 1962 vollzog sich der schrittweise Umzug der einzelnen Abteilungen von der Hainstraße in das neue Werk. Nach Auszug aus den alten Gebäuden an der Hainstraße wurden diese von der Projektierungseinrichtung des Industriezweiges Wälzlager und Normteile (TEPRO) ausgebaut und genutzt.

Hainstr. 100 heute

Hainstr. 100 heute

Da es in den 1950er Jahren zum Rechtsstreit über die Marke “Blizzard“ kam, stellte das Werk ab 1961 die Produkte unter der Marke „Fanal“ her. 1966 kam es zur Umbenennung des Betriebes in „VEB Sportgerätewerk Karl-Marx-Stadt“ und die Produkte wurden bis 1970 unter der Marke „Turntex“ vertrieben. Ab 1970 produzierte man unter der Marke „Germina“, die nun wieder weltbekannt werden sollte, wie die ehemalige Marke „Blizzard“. Das Werk expandierte wieder und hatte 1977 nunmehr 14 Betriebe und 7 Betriebsteile mit ca. 1000 Beschäftigten, wobei Chemnitz der Leitbetrieb war. Nach der Wende 1990 kam auch für das Sportgerätewerk Karl-Marx-Stadt sehr schnell das Aus.

Das ehemalige Firmengelände an der Hainstraße 100 war 1990 an die Erben von Dietrich & Hannak rückübereignet und dann von diesen verkauft worden. 1997 war es Eigentum der „TEPRO – Projektmanagement GmbH“.

 

 

 

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