Industriestandort Augustusburger Straße 165

Der Industriestandort Augustusburger Str. 165 beherbergte nacheinander drei Firmen:

  1. Sächsische Sägen- und Federstahlwarenfabrik Emil Riedel
  2. Strumpffabrik ARWA – August Robert Wieland Auerbach
  3. VEB Federnwerk Karl-Marx-Stadt

1. Sächsische Sägen- und Federstahlwarenfabrik Emil Riedel

Am 1.10.1902 gründete Oswald Emil Riedel (geb. 30.4.1872), eine Firma zur Herstellung von Bandsägen und Uhrfedern. Die Firma wurde am 4.10.1902 ins Chemnitzer Handelsregister eingetragen als „Sächsische Sägen- und Federstahlwarenfabrik Emil Riedel“. Der Geschäftssitz war in gemieteten Räumen in der Lessingstraße 26.

Augenmerk lag auf der Produktion von Federn für neuartige Musikspielwerke und Sprechmaschinen, deren Herstellung boomte. Außerdem erweiterte Riedel sein Sortiment mit weiteren Produkten aus Federstahl. Von 1903 bis 1905 war die Zahl der Beschäftigten von 30 auf 70 angestiegen, deshalb mietete er in der Lessingstraße 28 weitere Räume, um sein Kontor einzurichten. Bereits 1907 ließ Riedel seine Firmenprospekte auch in Englisch und Französisch drucken.

Gebäude der Riedel-Werke

Gebäude der Riedel-Werke

Da die Nachfrage zu den Produkten der Firma immer weiter stieg, kaufte er an der Oststraße 137 (später Augustusburger Str.) ein ca. 6200 m² großes Grundstück und ließ eine neue Fabrik bauen, in die die Firma 1908 umzog. Es war vorerst ein dreigeschossiger Bau, der später ständig erweitert wurde. Riedel versuchte auch seine Betriebseinrichtung stets zu vervollkommnen, so dass er bald zu den ersten Firmen in dieser Branche gehörte. Im Jahr 1911 ließ sich Emil Riedel ein repräsentatives Wohnhaus an der Albrechtstraße bauen.

Durch das schnelle Wachsen des Betriebes und erhöhten Materialbedarf, wurde 1911 mit der Selbstherstellung von Material für einige Produkte begonnen. Das Kaltwalzwerk, die Härterei und Glüherei wurden dazu ausgebaut.

Der Beginn des I. Weltkriegs war für den Betrieb ein schwerer Schlag, lieferte Riedel doch seine Produkte zum Großteil ins Ausland, obwohl dort an diesen Produkten ein großer Konkurrenzkampf stattfand. Nun brachen der Firma hier die Absatzmärkte weg. Als abzusehen war, dass der Krieg länger dauern würde, stellte Riedel seine Produktion auf Herstellung von Munitions-, Waffen- und Geschützteile um, darunter auch auf Vorholfedern und sonstige Teile für gezogene Minenwerfer. Nach dem I.Weltkrieg wurde die Produktion wieder umgestellt.

1917/18 sollte ein großes Zweigwerk in Hammerunterwiesenthal gebaut werden. Doch der Heimatschutz ließ den Bau nicht zu, so dass sich Riedel mit kleineren Produktionsräumen begnügen musste. 1917 betrug die benutzte Arbeitsfläche des Betriebes mehr als 7000 m² und die Firma hatte 650 Beschäftigte. Über 500 Maschinen waren in Betrieb, deren Antriebskraft etwa 500 PS betrug. Monatlich wurden ca. 300.000 Kilo kalt gewalzter Bandstahl, Siemens-Martin-Eisen und Klavierdraht verarbeitet, davon ca. 50.000 Kilo bester schwedischer Uhrfederstahl. Die Produktpalette umfasste z. B. Zugfedern aller Art, eine große Vielfalt von technischen Federn, Band und Metallsägeblätter, verschiedene Drahtwalzerzeugnisse.

1919 wurde der Betrieb umfirmiert zum „Emil Riedel Stahl- und Federnwerk“. Am 1.4.1922 schließlich wurde eine Aktiengesellschaft gegründet „Emil Riedel Stahl- und Federnwerk A. G.“ Schließlich übernahm Riedel am 18. August 1922 das Werk der „Deutschen Elektro-Stahlwerke AG“ in Frankenberg, so konnte er den Grundstoff für seine Produkte – Stahl – durch eigene Produktion sicherstellen. Am 17. Oktober 1922 hatte Emil Riedel einen schweren Verkehrsunfall in Neudorf (Erzgeb.) und verstarb noch am gleichen Tag an den Folgen dieses Unfalls.

Nach dem Tod von Emil Riedel übernahm Walter Clauß, der vorher als Prokurist bei Riedel tätig war, die Leitung des Betriebes als Direktor. Durch die Inflation in den folgenden Jahren ging es mit der Fabrik bergab. Im August 1925 konnte noch der Konkurs abgewendet werden, aber im April 1926 musste doch Insolvenz angemeldet werden und der Betrieb ging in Liquidation. Schließlich wurde am 3.8.1928 die Firma Riedel aus dem Handelsregister gestrichen.

 

2. Strumpffabrik ARWA – August Robert Wieland Auerbach

Nach der Insolvenz der Federnfabrik von Emil Riedel zog am 1.3.1928 die Strumpffabrik „ARWA“ in das Fabrikgebäude an der Oststraße 137 ein.

August Robert Wieland – geb. am 7.6.1862 in Auerbach – entstammte einer armen Strumpfwirkerfamilie. 1880 kaufte er mit finanzieller Hilfe seiner Eltern die erste eigene Maschine zur Strumpfherstellung, später kamen noch mehrere andere Maschinen dazu. Schließlich verwirklichte er mit drei weiteren Teilhabern seinen Traum von einer eigenen Strumpffabrik. Nach und nach konnte er die Teilhaber auszahlen und wurde alleiniger Fabrikbesitzer, der 1897 bereits 50 Arbeiter beschäftigte. Mit Hilfe seines Schwiegersohnes Paul Thierfelder erfand er ein Verfahren, bei dem Strümpfe mit Ferse in einem Arbeitsgang hergestellt werden können. Zwischen 1920 und 1930 erlebte die Firma ihre größte Blüte. 1920 ließ Robert Wieland in Auerbach eine neue Fabrik bauen, die in den folgenden Jahren immer weiter um- bzw. ausgebaut wurde. Weitere Neubauten folgten. 1921 waren mehr als 400 Arbeiter bei Wieland beschäftigt. 1927 entstand der Markenname „ARWA“ für August Robert Wieland Auerbach.

Nach Kauf der Fabrikgebäude der ehemaligen Federnfabrik Emil Riedel in Chemnitz 1927, arbeiten hier ab 1.3.1928 anfangs 100 Beschäftigte – vor allem Frauen. Betriebsleiter des neuen Chemnitzer Zweigwerkes war Alwin Fischer. Der Firmenname wurde nun geändert in „A. Robert Wieland Feinstrumpf-Großwerke Auerbach und Chemnitz“. Produziert wurde weiterhin in Auerbach, dann kamen die Strümpfe nach Chemnitz in die Färberei Förster auf der Limbacher Straße und wurden von dort in die Oststraße 137 gebracht. Hier erfolgte die Appretur (Formgebung), Aufmachung (Sortieren, Kennzeichnen, Falten und Verpacken), sowie der Versand. In die Fabrik an der Oststraße zogen auch das Stadtkontor und die Verkaufsräume, die sich vorher in der Lohstraße befunden hatten.

Wieland setzte sich für grundlegende Änderungen bei der Lehrlingsausbildung ein. Er hatte die erste und einzige Lehrlingswerkstatt für Wirkerlehrlinge in dieser Zeit in Sachsen. Für auswärtige Lehrlinge wurde ein Wohnheim eingerichtet. Für die Angestellten gab es Duschen und Waschräume. Im Chemnitzer Firmengelände gab es sogar ein kleines Schwimmbad, welches in der Mittagspause genutzt werden konnte. 1937 organisierte er für 800 Mitarbeiter eine einwöchige Urlaubsreise mit einem Sonderzug nach Oberbayern.

Inzwischen war die Beschäftigtenzahl in Chemnitz nach zehn Jahren auf 200 gestiegen. Als Wieland 1939 das Chemnitzer Unternehmen „Textilsyndikat GmbH – Tesyra (Textilsyndikat Hans Thierfelder KG & Herbert Dittrich AG Meinersdorf) kauft, wächst die Zahl der Beschäftigten auf 1.170 an, die in seinen Werken in Auerbach, Chemnitz, Gelenau, Meinersdorf und Zwönitz arbeiten.

1940 stirbt August Robert Wieland, seine Tochter Rosa übernimmt nun die Leitung der Firma. Wielands Enkel Hans Thierfelder wurde bereits 1936 Prokura erteilt. Er wurde 1937 von seinem Großvater zum Betriebsführer bestellt, hatte jedoch selbst keine Anteile am Unternehmen. Er führte nach seinem Kriegsdienst die Firma weiter. Doch bereits am 30.6.1946 wurde die Firma per Volksentscheid enteignet, da „ARWA“ an der Rüstungsproduktion beteiligt war. Hans Thierfelder zog mit seiner Frau nach West-Berlin und baute später in der Bundesrepublik eine neue Strumpffabrik „ARWA“ auf.

Noch bis 1956 war der enteignete Betrieb in Chemnitz präsent, wurde aber mit Betrieben anderer enteigneter Strumpfhersteller zusammengefasst in den VEB ESDA Thalheim und schließlich aus Chemnitz verlegt.

 

Standort heute Augustusburger Straße

Standort heute Augustusburger Straße

3. VEB Federnwerk Karl-Marx-Stadt

Nach der Enteignung von ARWA 1946 zog in die alten Gebäude von Emil Riedel nun wieder die Metallindustrie ein – der VEB Federnwerke Karl-Marx-Stadt. Die Straße hieß nun Augustusburger Straße, die Hausnummer war 165.

Darin waren mehrere enteignete Metallfedernhersteller zusammengefasst worden, so z. B. die Firma Schnike, deren Werk in der Brückenstrasse teilweise zerstört war und dann vom Druckhaus der Freien Presse genutzt werden sollte.

1960 wurde der Betrieb in VEB Draht- und Federnwerke Karl-Marx-Stadt umbenannt

1970 wurde in Dörfel bei Marienberg ein neues großes Werk gebaut, der VEB Federnwerk Marienberg.

1972 übernahm dieses Werk den Betrieb in Karl-Marx-Stadt als Betriebsteil mit 360 Mitarbeitern, damit verlor dieser seine Eigenständigkeit.

Nach der Wende wurden 1990 diese Teilbetriebe wieder ausgegliedert, und jeder war plötzlich wieder Einzelkämpfer.

1992 wurde die Chemnitzer Federnwerk GmbH gegründet (CEFEG).

1993 erwarb ein neuer Investor diese GmbH. Die Produktion wurde mit nur 25 Mitarbeitern weiter geführt.

1998 wurde im neuen Gewerbegebiet an der Winkelhofer Straße ein neues Betriebsgebäude mit einer Produktionsfläche von ca. 8000 m² gebaut.

2002 erfolgte eine Erweiterung des Leistungsspektrums durch Produktion von Schrauben. 2003 musste der Betrieb Insolvenz anmelden, produzierte aber weiter, der Insolvenzverwalter übernimmt alle Mitarbeiter.

Am 1. Oktober 2005 wird die Firma im Rahmen eines Management–Buy–Out privatisiert und firmiert unter dem Namen „CEFEG GmbH Federn- und Verbindungstechnik Chemnitz“ mit Sitz an der Winkelhofer Straße 3.

 

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